Mit dem Orgasmus des Mannes ist der Sex offiziell vorbei – warum eigentlich?

Mit dem Orgasmus des Mannes ist der Sex offiziell vorbei – warum eigentlich?

Darüber hast du bestimmt auch noch nie nachgedacht und es einfach als gegeben akzeptiert, oder? Bei gefühlt 99% aller heterosexuellen Paare ist der Sex automatisch beendet, wenn ER gekommen ist. Warum eigentlich?

von Michaela Ambos am 04.09.2020, 16:41



 
 
 
 
 


© iStock

Am Wochenende “feierten” wir den International Equal Masturbation Day. Denn wie eine international angelegte Studie zeigt, haben Frauen bis zum 5. September im Jahr 2020 noch nicht masturbiert. Wer nun schüchtern aufzeigen möchte, dass dies für sie persönlich nicht stimmen kann: Das gilt natürlich nur laut Statistik.

Pay Gap, Pension Gap, Orgasm Gap oder Health Gap – Frauen müssen sich leider in ihrem Leben mit einigen Lücken („Gaps“) auseinandersetzen. So zeigt eine aktuelle Umfrage mit 6.000 Teilnehmer*innen aus 12 Ländern: Auch die Masturbation Gap zwischen den Geschlechtern ist hoch und liegt bei satten 68%.
Um auf diese Gap aufmerksam zu machen, rief der Sextoy-Hersteller “Womanizer” den „International Equal Masturbation Day“ am 5. September ins Leben. Bis zu diesem Tag haben Frauen auf das Jahr gerechnet nämlich noch nicht masturbiert.

Orgasm Gap: Frauen haben weniger Höhepunkte als Männer – egal ob alleine oder zu zweit

Warum es wichtig ist, über diese Gap zu sprechen? Eine erfüllte Sexualität, auch und vor allem mit sich selbst, ist ein unerlässlicher Teil eines selbstbestimmten und gesunden Lebens – für alle Geschlechter gleichermaßen. Für viele Frauen scheint das aber noch nicht Realität zu sein. Wie auch die anderen genannten Gaps, spiegelt diese Lücke eine gesellschaftliche Schieflage wider. In diesem Fall, dass weibliche Masturbation noch immer ein Tabuthema ist.

Unterschiedliche Libido? Von wegen!

Im Durchschnitt legen Männer 154 im Jahr selbst Hand an, bei den Frauen sind es 49 Mal. Ab dem Equal Masturbation Day masturbieren Männer und Frauen gleich viel für den Rest des Jahres, und zwar rund 3 Mal pro Woche. Die Tatsache, dass Männer öfter masturbieren, wird oft mit veralteten, stereotypischen oder vermeintlich biologischen Argumenten begründet, wie etwa dass Männer einen stärkeren Sexualtrieb hätten.

Jedoch verrät die Umfrage: Das stimmt nicht. Beide Geschlechter sollten ihre eigene Libido auf einer Skala von 1 (sehr geringe Libido) bis 10 (sehr hohe Libido) einschätzen. Das Ergebnis: Der Unterschied ist wesentlich geringer als die meisten vermuten würden. Männer ordnen sich durchschnittlich bei 6.5 ein, Frauen bei 5.4.

Johanna Rief, Head of Sexual Empowerment bei Womanizer, zu den Ergebnissen: „Natürlich muss und soll niemand mehr masturbieren, wenn er oder sie nicht möchte. Aber: Masturbation ist ein wichtiger Teil von sexueller Selbstbestimmung. Leider hält Scham, soziales Stigma und fehlende Aufklärung viele Frauen davon ab, ihre eigene Sexualität zu erkunden.”

Österreich im internationalen Vergleich

Hierzulande liegt die Masturbation Gap auch immer noch bei 64%. Basierend auf dieser Zahl fällt der nationale Equal Masturbation Day auf den 21. August 2020. Österreichische Männer tun es 147 Mal im Jahr, Frauen 53 Mal.

Ein Drittel der Österreicher*innen ist überzeugt, dass Männer offener über Selbstbefriedigung sprechen als Frauen. Dass männliche Masturbation durch unsere Popkultur zur Normalität geworden ist, stimmt ein Viertel der Befragten zu. Hingegen glauben 20%, dass mit weiblicher Masturbation mehr Scham und Negativität verbunden ist.

Klitoris und Masturbation haben keinen Platz im Sexualkundeunterricht

Auch fehlende Aufklärung spielt wohl eine Rolle für die große Masturbation Gap. So haben rund 9 von 10 Österreicher*innen weder über männliche noch weibliche Selbstbefriedung im Sexualkundeunterricht gesprochen.

Über die vollständige Größe und Funktion der Klitoris wurde außerdem weniger als jede*r Zehnte in Österreich aufgeklärt, obwohl sich 4 von 10 der Befragten mit der weiblichen Anatomie, einschließlich des Fortpflanzungssystems, im Unterricht auseinander gesetzt haben.

Übrigens: Wenn wir dann mal selbst Hand anlegen, kommen Frauen fast immer zum Höhepunkt. Ebenso in gleichgeschlechtlichen Beziehungen. In heterosexuellen Beziehungen jedoch ergibt sich schon wieder eine Lücke. Und noch ein Thema taucht auf: Bei vielen Paaren gilt nämlich die Regel: Die Frau kommt zuerst. Was sehr gentlemanlike klingt, hat jedoch bisweilen einen bisserl traurigeren Hintergrund: Denn wenn sie nicht vor dem Mann kommt, kommt die Frau gar nicht mehr. Schließlich ist es vollkommen “normal”, dass der männliche Orgasmus der Höhepunkt und gleichzeitig das Ende eines sexuellen Aktes ist – egal ob in Pornos, romantischen Komödien oder in der Realität.

Muss Sex zu zweit immer gleich ablaufen – also dessen Ende?

Es hat schon lange genug gedauert, die Menschheit zu überzeugen, dass auch Frauen ihren Orgasmus verdient haben und dass Sex eben nicht nur zur Zeugung von Nachwuchs vonstatten geht, aber jetzt stellen wir uns eine neue Frage: Muss Sex immer gleich ablaufen – also dessen Ende?

»Genießt der männliche Orgasmus nicht immer noch insofern Überlegenheit, als dass er standardmäßig den Sex beendet?
«

Die wenigsten sind sich dessen überhaupt bewusst, dass der Sex in gefühlt 99% aller heterosexuellen Beziehungen eben genau so abläuft. Und die wenigsten hinterfragen dies auch – sowie übrigens auch die Autorin dieser Zeilen, die erst durch ein paar kürzliche Tweets dazu einen echten Aha-Moment hatte:

Und die Natur der Sache ist uns schon klar: Nach dem männliche Orgasmus erschlafft der Penis und ist für Geschlechtsverkehr eher weniger zu gebrauchen. Aber wir schwören: Es sollen tatsächlich schon Frauen einen Orgasmus bekommen haben, wenn kein Penis im Spiel war! Finger und Zunge sind meist sogar erfolgreicher bei dieser Mission!

Für Frauen gilt es nämlich als ganz selbstverständlich – wenn der Mann schon so nett war und ihr vor seinem Höhepunkt ebenso denselben verschafft hat – dass sie danach nicht glücklich einschläft oder sich ganz den wohligen Gefühlen hingibt, sondern dass sie sich wortwörtlich noch einmal in den Sattel schwingt und weitermacht bis er kommt.

Selbst wenn dies für viele kein Problem sein sollte und sie dies gerne tun, so geht es doch einfach nur um eine gewisse Balance (manche sagen auch Gleichberechtigung dazu) – und nicht eine von allen einfach angenommene Selbstverständlichkeit.

Gründe fürs Ende durch den männlichen Orgasmus?

  • Die Lust geht verloren: Aber warum würde dieses Argument nur für Männer gelten?
  • Müdigkeit tritt ein: Genau das Gleiche – auch bei Frauen werden nach dem Orgasmus die Hormone Prolactin und Oxytocin ausgeschüttet, die herrlich müde werden lassen (und übrigens auch ein probates Schlafmittel sind). Das gilt also ebenso nicht als biologisches Argument.
  • Harndrang? Please!! Frauen wird sogar empfohlen, nach dem Geschlechtsverkehr zu urinieren, um Blaseninfektionen vorzubeugen.

Also, liebe Männer! Wir wissen ja, dass sehr, sehr viele von euch da draußen absolut willig sind, ihre Frauen auf alle erdenklichen Arten zu beglücken. Wie wäre es also mal mit einem Stellungswechsel der anderen Art? Einfach nur, um mal ein bisserl mehr Abwechslung ins immer gleiche Sexleben zu bringen…

Thema:
Sex & Erotik
 
 
 
 
 
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